2012: Tie­fes Wachs­tum in einem Jahr der Trans­for­ma­ti­on

​Mit dem star­ken Fran­ken, der eu­ro­päi­schen Ver­schul­dungs­kri­se und der schwä­cheln­den Welt­kon­junk­tur wir­ken gleich drei Fak­to­ren brem­send auf die Schwei­zer Wirt­schaft ein. eco­no­mie­su­is­se er­war­tet, dass das Brut­to­in­lands­pro­dukt (BIP) der Schweiz 2012 nur noch um 0,5 Pro­zent zu­le­gen wird, wäh­rend die Ar­beits­lo­sen­quo­te auf 3,6 Pro­zent an­stei­gen dürf­te. Unter Druck ste­hen ins­be­son­de­re die Ex­port­bran­chen, aber auch deren Zu­lie­fe­rer und der Tou­ris­mus. Die Be­wäl­ti­gung der EU-Schul­den­kri­se stellt auch für die Schweiz eine Her­aus­for­de­rung dar.

​2011 war für die Schwei­zer Wirt­schaft ein Jahr der Her­aus­for­de­run­gen – und diese wer­den 2012 noch grös­ser. Der Druck, ins­be­son­de­re durch den wei­ter­hin hohen Fran­ken-Wech­sel­kurs, führt in vie­len Bran­chen zu einem be­schleu­nig­ten Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess. Die damit ver­bun­de­nen Mass­nah­men, bei­spiels­wei­se der stär­ke­re Vor­leis­tungs­be­zug aus dem Aus­land, die Ver­la­ge­rung von Ar­beits­plät­zen oder Ein­stel­lungs­stopps, haben un­mit­tel­ba­re Aus­wir­kun­gen auf die wirt­schaft­li­che Dy­na­mik in der Schweiz. Be­trof­fen sind nicht nur die Ex­port­un­ter­neh­men, son­dern auch in­län­di­sche Zu­lie­fe­rer, der De­tail­han­del und in be­son­de­rem Mass der Tou­ris­mus­sek­tor.

Mit der sich ab­schwä­chen­den Welt­kon­junk­tur und der mas­si­ven Ver­schul­dungs­kri­se in zahl­rei­chen EU-Staa­ten kom­men wei­te­re ne­ga­ti­ve Fak­to­ren hinzu, die die Schweiz 2012 an den Rand einer Re­zes­si­on drän­gen wer­den. eco­no­mie­su­is­se geht davon aus, dass die Eu­ro­zo­ne 2012 wirt­schaft­lich mehr oder we­ni­ger sta­gniert und auch auf po­li­ti­scher Ebene die Pro­ble­me nicht rasch ge­löst wer­den kön­nen. Die Aus­wir­kun­gen all die­ser ne­ga­ti­ven Ef­fek­te auf die Schweiz sind seit dem ver­gan­ge­nen Som­mer deut­lich spür­bar. Zwar dürf­te das Schwei­zer BIP 2011 ins­ge­samt noch um etwa zwei Pro­zent zu­le­gen – doch die­ses Wachs­tum ent­stand vor allem im ers­ten Halb­jahr.

Rück­läu­fi­ge Ex­por­te, star­ke Bau­wirt­schaft
Die Liste der Bran­chen, die 2012 mit ne­ga­ti­ven Wachs­tums­ra­ten rech­nen, ist lang. Mit einem Rück­gang der Wert­schöp­fung haben vor allem die klas­si­schen Ex­port­bran­chen wie die Me­tall-, Ma­schi­nen-, Tex­til-, Nah­rungs- und Pa­pier­in­dus­trie zu kämp­fen. Und die Spar­an­stren­gun­gen vie­ler In­dus­trie­staa­ten ma­chen sich auch in der che­misch-phar­ma­zeu­ti­schen In­dus­trie be­merk­bar. Hart wird das kom­men­de Jahr aber vor allem für den Tou­ris­mus, er­klärt eco­no­mie­su­is­se-Chef­öko­nom Ru­dolf Minsch: «Die ra­san­te Auf­wer­tung des Fran­kens in die­sem Som­mer hat auch in­ter­na­tio­nal Re­so­nanz ge­fun­den und der Schweiz lei­der das Image eines Hoch­preis­lan­des zu­rück­ge­bracht.» Die tou­ris­ti­sche Wert­schöp­fung im In­land werde 2012 ein­deu­tig rück­läu­fig sein. Po­si­ti­ver sind hin­ge­gen die Aus­sich­ten in den Be­rei­chen Ver­si­che­rungs­we­sen, Be­ra­tung, Ver­kehr und IT.

eco­no­mie­su­is­se pro­gnos­ti­ziert für das kom­men­de Jahr ein rea­les BIP-Wachs­tum von 0,5 Pro­zent. Ge­stützt wird die Kon­junk­tur vor allem durch den Bin­nen­markt, auch wenn sich viele Zu­lie­fer­be­trie­be zu­nächst auf die neuen Ver­hält­nis­se aus­rich­ten müs­sen. Ein wei­ter­hin ro­bus­tes Wachs­tum ist 2012 beim Tief- und Woh­nungs­bau zu er­war­ten. Die Zu­wan­de­rung und leicht hö­he­re Re­al­löh­ne sor­gen für einen wei­te­ren Zu­wachs beim Pri­vat­kon­sum. Die­ser pro­fi­tiert von einer ins­ge­samt tie­fen In­fla­ti­ons­ra­te. Güns­ti­ge­re Im­por­te und die wirt­schaft­li­che Dy­na­mik im In­land kön­nen dazu füh­ren, dass die In­fla­ti­on 2012 kurz­zei­tig sogar ne­ga­tiv aus­fällt. Trotz der trü­ben Aus­sich­ten be­steht in der Schweiz auch wei­ter­hin eine Nach­fra­ge nach gut qua­li­fi­zier­ten Ar­beits­kräf­ten. Selbst bei Ent­las­sun­gen fin­den viele Ar­beit­neh­men­de rasch wie­der eine Stel­le. eco­no­mie­su­is­se rech­net daher nicht mit einem dras­ti­schen An­stieg der Ar­beits­lo­sen­zah­len: Der Wirt­schafts­dach­ver­band pro­gnos­ti­ziert für 2012 eine durch­schnitt­li­che Quote von 3,6 Pro­zent.

EU-Schul­den­kri­se auch als Her­aus­for­de­rung für die Schweiz
Die EU-Mit­glied­staa­ten und die Eu­ro­zo­ne wur­den von der Ver­schul­dungs­kri­se be­son­ders hart ge­trof­fen. Da die EU der wich­tigs­te Wirt­schafts­part­ner der Schweiz ist, müs­sen wir die Ent­wick­lung in der Eu­ro­zo­ne sehr eng ver­fol­gen. Die Schweiz hat ein gros­ses In­ter­es­se, dass die EU ihre mas­si­ven struk­tu­rel­len fi­nan­zi­el­len Un­gleich­ge­wich­te end­lich in den Griff be­kommt. Die Schul­den­kri­se ist al­ler­dings noch bei wei­tem nicht aus­ge­stan­den. Pas­cal Gen­ti­net­ta, Vor­sit­zen­der der Ge­schäft­lei­tung von eco­no­mie­su­is­se, gibt zu be­den­ken; «Egal wel­che Fi­nanz­ar­chi­tek­tur die EU letzt­end­lich wählt, es herrscht wei­ter­hin gros­se Un­si­cher­heit, ob die be­trof­fe­nen Re­gie­run­gen in der Lage sind, die nö­ti­gen Re­for­men sowie Spar­vor­ga­ben im er­for­der­li­chen Um­fang um­zu­set­zen.»

Vor die­sem Hin­ter­grund bleibt die Schweiz aber nicht un­tä­tig. In­ter­na­tio­nal leis­tet sie über ihr En­ga­ge­ment beim In­ter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds be­reits einen wich­ti­gen Bei­trag zur Be­ru­hi­gung der Lage. Zudem hält die Schwei­ze­ri­sche Na­tio­nal­bank rund 150 Mil­li­ar­den Euro als Wäh­rungs­re­ser­ven. Des­halb ist von einer di­rek­ten Be­tei­li­gung an den Ret­tungs­in­sti­tu­tio­nen der EU ab­zu­se­hen. Die Aus­wir­kun­gen auf den bi­la­te­ra­len Weg zwi­schen der Schweiz und der EU sind schwie­rig zu be­ur­tei­len. In einem äus­serst an­ge­spann­ten Um­feld ist zu hof­fen, dass das für beide be­währ­te und sta­bi­le Ver­hält­nis nicht un­nö­tig po­li­tisch be­las­tet wird.