philipp hauert

«Wir pfle­gen die Tra­di­ti­on, Ver­än­de­run­gen nicht zu scheu­en»

Für Hob­by­gärt­ner sind sie der Klas­si­ker: Die Hau­ert-Ku­geln oder der Hau­ert-Ra­sen­dün­ger. Die Hau­ert HBG Dün­ger AG ist der äl­tes­te Fa­mi­li­en­be­trieb der Schweiz. Wie über­steht man mehr als 350 Jahre die Ver­än­de­run­gen in Markt und Po­li­tik?

1663. Der eu­ro­päi­sche Kon­ti­nent er­holt sich all­mäh­lich von den Ver­wüs­tun­gen des Dreis­sig­jäh­ri­gen Krie­ges. Die Schwei­ze­ri­sche Eid­ge­nos­sen­schaft ist «rück­stän­dig, un­ge­ord­net und über­kom­men». So be­schrei­ben es zu­min­dest Ge­schichts­bü­cher. Ei­ni­ge Wirt­schafts­zwei­ge sind den­noch lu­kra­tiv: Etwa jenes mit Leder. «Vor allem dank der Pfer­de­wirt­schaft und dem Krieg», er­klärt Phil­ipp Hau­ert. Er ist der Nach­kom­me von Adam Hau­ert, der 1663 im Ber­ner See­land eine Ger­be­rei er­warb, die sich über mehr als 350 Jahre zum heute gröss­ten Schwei­zer Her­stel­ler von Spe­zi­al­dün­ge­mit­tel ent­wi­ckel­te. Phil­ipp Hau­ert lei­tet den Be­trieb in zwölf­ter Ge­ne­ra­ti­on. Womit die Hau­ert HBG Dün­ger AG der äl­tes­te Fa­mi­li­en­be­trieb der Schweiz ist.

350 Jahre Wind und Wet­ter stand­ge­hal­ten

Zu­rück ins 17. Jahr­hun­dert: Nach­dem Pfer­de­wirt­schaft und Krieg die Nach­fra­ge nach Leder also hoch­ge­hal­ten hat­ten, er­hiel­ten die hie­si­gen Ger­be­rei­en Kon­kur­renz aus dem Aus­land: «Es wurde immer ein­fa­cher, Leder zu im­por­tie­ren. Der Preis für Leder sank. Aus­ser­dem wurde es mehr und mehr durch Plas­tik er­setzt», so Hau­ert. Der Ger­be­rei Hau­ert sei nichts an­de­res üb­rig­ge­blie­ben, als sich auf ein Ne­ben­pro­dukt der Le­der­her­stel­lung zu kon­zen­trie­ren: Kno­chen­mehl, das sich sehr gut für die Dün­gung von Pflan­zen eigne.

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«Ei­gent­lich ist es ein Glück, dass un­se­re Vor­fah­ren die In­dus­tria­li­sie­rung im Le­der­ge­schäft ver­schla­fen haben», sagt Phil­ipp Hau­ert und schmun­zelt. Die Spe­zia­li­sie­rung auf Dün­ger hat sich of­fen­sicht­lich aus­be­zahlt. 40 Pro­zent der Schwei­zer Hob­by­gärt­ner grei­fen heute im Regal zum «Gar­ten­se­gen», den Hau­ert-Ku­geln oder an­de­ren Dün­ge­mit­teln von Hau­ert.

Rechts­si­cher­heit und das rich­ti­ge Tra­di­ti­ons­ver­ständ­nis

Rei­bungs­los lief das Ge­schäft für Hau­ert aber nicht immer. Neben Im­port­le­der und Plas­tik mach­te Hau­ert in mehr als 350 Jah­ren zahl­rei­che wei­te­re wirt­schaft­li­che, po­li­ti­sche und ge­sell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen mit. Wie hat es das Un­ter­neh­men ge­schafft, sich stets an­zu­pas­sen? «Ent­schei­dend ist die re­la­tiv ex­klu­si­ve Rechts­si­cher­heit, die in der Schweiz seit mehr als 300 Jah­ren be­steht», sagt Phil­ipp Hau­ert. Die Schweiz sei von grös­se­ren Um­ver­tei­lun­gen, aber auch Krie­gen und Re­vo­lu­tio­nen ver­schont ge­blie­ben. 

Dass es auch in der Schweiz zu kurz­fris­ti­gen Än­de­run­gen in der Po­li­tik und somit den Ge­set­zen kom­men kann, zei­gen Bei­spie­le wie die­ses: In den 1990er-Jah­ren er­reich­te die Tier­seu­che BSE (Rin­der­wahn­sinn) auch die Schweiz. Der Bun­des­rat ver­bot dar­auf­hin die Her­stel­lung von Kno­chen­mehl, das Hau­ert nach wie vor für Dün­ge­mit­tel ver­wen­de­te. Phil­ipp Hau­ert brin­gen sol­che Si­tua­tio­nen nicht aus der Ruhe – zu­min­dest lässt er es sich nicht an­mer­ken. Statt­des­sen gibt er den prag­ma­ti­schen Ge­schäfts­mann: «Eine Firma lebt im Hier und Jetzt. Ein Un­ter­neh­mer darf nicht im Rück­blick ver­har­ren.»

 

«Wir pfle­gen die Tra­di­ti­on, Ver­än­de­run­gen nicht zu scheu­en»

Be­deu­tet das, dass ihm Tra­di­ti­on wenig be­deu­tet? Phil­ipp Hau­ert wehrt ab: «Das fragt man mich oft. Ich glau­be aber, dass viele ein fal­sches Ver­ständ­nis von Tra­di­ti­on haben.» Für ihn be­deu­te sie etwa, dass er die Tra­di­ti­on der Fa­mi­lie pfle­ge, Ver­än­de­run­gen nicht zu scheu­en. «Bei­spiels­wei­se indem wir die Grös­se un­se­rer Firma stets an die Grös­se des Mark­tes an­pas­sen.» Die Fa­mi­li­en­tra­di­ti­on gebe ihm also vor allem ein «un­ter­neh­me­ri­sches Selbst­ver­ständ­nis». «So viele mei­ner Vor­fah­ren konn­ten sich durch die Zeit­ach­se ma­na­gen. Also muss es heute auch mög­lich sein», er­klärt Hau­ert und schlägt vor, nun die Pro­duk­ti­ons­hal­len an­zu­se­hen.

Kann man einen feh­len­den grü­nen Dau­men durch Dün­ger kom­pen­sie­ren? Freu­en Sie sich über den «Urban Gar­de­ning»-Trend? Diese und wei­te­re Fra­gen be­ant­wor­tet Phil­ipp Hau­ert oben im Video.

Die Hau­ert HBG Dün­ger AG be­dient in der Schweiz ak­tu­ell un­ge­fähr 60 Pro­zent des Mark­tes für or­ga­ni­schen Dün­ger. 2007 ex­pan­dier­te das Un­ter­neh­men ins Aus­land: Es über­nahm den deut­schen Dün­ger­her­stel­ler Gün­ther Cor­nufe­ra, seit 2015 stellt es Me­thy­len­harn­stoff (für Lang­zeit­dün­ger) mit der nie­der­län­di­schen Firma Chem­com her. Hau­ert be­schäf­tigt heute 100 Voll­zeit­stel­len, wovon sich ein An­teil um die For­schung und Ent­wick­lung der Dün­ge­mit­tel küm­mert.