Italienische Finanzen

Das «ita­lie­ni­sche Fie­ber» droht den Eu­ro­kreis­lauf an­zu­ste­cken

Die Ner­vo­si­tät an den Fi­nanz­märk­ten ist wei­ter­hin hoch. Die Zins­dif­fe­renz Ita­li­ens ge­gen­über Deutsch­land («lo spre­ad») ver­harrt auf hohem Ni­veau. Das Ver­trau­en der An­le­ger in Ita­li­en als In­ves­ti­ti­ons­stand­ort ist tief. Das ist schlecht für die Schweiz.

Up­date vom 18. De­zem­ber 2019

Nach dem Rück­zug Mat­teo Sal­vi­nis rechts­po­pu­lis­ti­scher Lega aus der ita­lie­ni­schen Re­gie­rung im Au­gust hat sich die Zins­dif­fe­renz zwi­schen deut­schen und ita­lie­ni­schen Staats­an­lei­hen er­heb­lich ver­klei­nert. Trotz die­ser Be­ru­hi­gung bleibt die Si­tua­ti­on am An­lei­hen­markt an­ge­spannt. Denn das Miss­trau­en der in­ter­na­tio­na­len In­ves­to­ren ge­gen­über ita­lie­ni­schen Pa­pie­ren ist nicht nur po­li­ti­scher Natur. Diese Woche wurde be­kannt, dass die ita­lie­ni­sche Zen­tral­bank den gröss­ten Kre­dit­ge­ber in Ita­li­ens Süden, die Banca Po­po­la­re di Bari, unter Son­der­ver­wal­tung ge­stellt hat. Das schwächt das Ver­trau­en in die Wi­der­stands­kraft der ita­lie­ni­schen Wirt­schaft.
 
Ita­li­ens Pro­ble­me sind struk­tu­rell und lang­fris­tig: Be­son­ders die ver­al­te­te In­fra­struk­tur, die läh­men­de Bü­ro­kra­tie und der wenig nach­hal­ti­ge Um­gang mit Staats­gel­dern ma­chen dem Land zu schaf­fen. Die of­fen­sicht­li­chen Pro­ble­me im Ban­ken­be­reich ver­stär­ken die Un­si­cher­heit. So­lan­ge diese Her­aus­for­de­run­gen nicht ernst­haft an­ge­gan­gen wer­den, bleibt Ita­li­en auch 2020 eine Ge­fahr für die Welt­wirt­schaft.


Up­date vom 27. Au­gust 2019

Im Früh­som­mer be­ru­hig­te sich der An­lei­hen­markt für ita­lie­ni­sche Staats­pa­pie­re etwas. Die­ser Trend hat nun mit dem Sturz der Re­gie­rung von Giu­sep­pe Conte ein jähes Ende ge­fun­den. Das Aus der Po­pu­lis­ten-Al­li­anz zwi­schen der rech­ten Lega und den lin­ken Cin­que Stel­le hat sich zwar be­reits seit Län­ge­rem an­ge­bahnt. Doch nun ist die Un­si­cher­heit rund um die ita­lie­ni­sche Re­gie­rung wie­der all­ge­gen­wär­tig. Und auch die Fi­nanz­märk­te haben re­agiert: Auf­grund der stei­gen­den po­li­ti­schen Ri­si­ken im Land haben sich viele In­ves­to­ren kurz­fris­tig von ita­lie­ni­schen Staats­an­lei­hen ge­trennt, was wie­der­um die Zins­dif­fe­renz zwi­schen deut­schen und ita­lie­ni­schen Staats­an­lei­hen auf weit über zwei Pro­zent an­schwel­len liess. Die An­kün­di­gung des ita­lie­ni­schen Staats­prä­si­den­ten Ser­gio Mat­ta­rel­la, einen schnel­len Weg aus der Krise fin­den zu wol­len, hat die Angst vor allzu bal­di­gen Neu­wah­len zwar etwas ge­dämmt und die Märk­te zwi­schen­zeit­lich wie­der etwas be­ru­higt. Doch für wie lange?

Es ste­hen wich­ti­ge Ge­schäf­te an: Im Sep­tem­ber und Ok­to­ber wird in Ita­li­ens Par­la­ment nor­ma­ler­wei­se um die Haus­halts­zah­len für das nächs­te Jahr ge­run­gen. Für eine ge­ord­ne­te Ver­ab­schie­dung des Bud­gets braucht es je­doch eine halb­wegs sta­bi­le Re­gie­rung. Auch für die Be­ru­hi­gung der zu­letzt span­nungs­rei­chen Be­zie­hun­gen zwi­schen Rom und Brüs­sel ist diese De­bat­te zen­tral: Spa­ren die Ita­lie­ner nicht min­des­tens 23 Mil­li­ar­den Euro ein, steigt die Mehr­wert­steu­er zum 1. Ja­nu­ar au­to­ma­tisch an. Durch die­sen EU-Sta­bi­li­täts­me­cha­nis­mus sol­len die Staats­schul­den ein­ge­dämmt blei­ben. Doch das würde die kri­seln­de ita­lie­ni­sche Wirt­schaft zu­sätz­lich be­las­ten. In den letz­ten bei­den Quar­ta­len 2018 be­fand sich Ita­li­ens Wirt­schaft tech­nisch in einer Re­zes­si­on. Zu­letzt ging es im ers­ten Quar­tal wie­der um ma­ge­re 0,1 Pro­zent nach oben, das zwei­te Quar­tal ergab Still­stand. Die Aus­sich­ten sind nicht allzu rosig.


Up­date vom 28. Mai 2019

Mat­teo Sal­vi­ni ist der gröss­te Ge­win­ner der Eu­ro­pa­wah­len in Ita­li­en. Seine Lega er­reich­te am ver­gan­ge­nen Sonn­tag 34,3 Pro­zent Stim­men­an­teil und ver­dop­pelt das Er­geb­nis der letzt­jäh­ri­gen Par­la­ments­wah­len. Der gros­se Ver­lie­rer der Wahl ist Sal­vi­nis Ko­ali­ti­ons­part­ne­rin Cin­que Stel­le. Sie ver­liert rund die Hälf­te der Stim­men und kommt neu auf 17,1 Pro­zent und be­legt nur den drit­ten Platz. Für die Ko­ali­ti­on in Ita­li­en ver­heis­sen diese Er­geb­nis­se nichts Gutes. Die bei­den Par­tei­en haben kaum etwas ge­mein­sam, die Re­gie­rung ist deut­lich in­sta­bi­ler ge­wor­den.

Was be­deu­ten die Wahl­er­geb­nis­se für die ita­lie­ni­sche Wirt­schaft? Am Ho­ri­zont kün­digt sich die nächs­te Runde im Schul­den­streit mit der EU an. Nach dem Sieg sei­ner Par­tei for­der­te Sal­vi­ni eine Lo­cke­rung der eu­ro­päi­schen Schul­den­de­fi­zit­re­gel. Seit Mitte 2018 ver­sucht die am­tie­ren­de Re­gie­rung mit­tels Steu­er­sen­kun­gen und hö­he­ren So­zi­al­aus­ga­ben die Wirt­schaft an­zu­kur­beln. Die be­reits sehr hohe ita­lie­ni­sche Staats­ver­schul­dung wächst somit noch wei­ter. Be­reits kom­men­de Woche soll ge­mäss Me­di­en­be­rich­ten die EU-Kom­mis­si­on auf­grund über­mäs­si­ger Ver­schul­dung ein Straf­ver­fah­ren gegen Ita­li­en er­öff­nen. Das «bel paese» könn­te eine Busse von 3,5 Mil­li­ar­den Euro auf­ge­brummt be­kom­men. Aus Furcht vor einer neuen Macht­pro­be zwi­schen der EU und der Re­gie­rung in Rom zie­hen sich An­le­ger aus ita­lie­ni­schen An­lei­hen zu­rück. Dies hat die Ren­di­te der zehn­jäh­ri­gen Bonds am Diens­tag zeit­wei­se auf ein Zwei-Wo­chen-Hoch von 2,731 Pro­zent ge­trie­ben.


Der Euro ist sta­bil. Zu­min­dest vor­läu­fig. An­de­re Kri­sen hal­ten die Welt­öf­fent­lich­keit der­zeit in Atem. Man starrt ge­bannt auf den Han­dels­kon­flikt zwi­schen den USA und China. Auch die Ab­fol­ge zwi­schen Dead­line und Ver­län­ge­rung beim Brex­it hat das Zeug zum Kas­sen­schla­ger. Vor die­sem dra­ma­tur­gisch span­nend an­ge­rich­te­ten Welt­thea­ter ging die Eu­ro­kri­se fast schon in Ver­ges­sen­heit. Doch die in­ter­na­tio­na­len An­le­ger re­agie­ren nun stär­ker auf die pro­ble­ma­ti­sche Wirt­schafts­po­li­tik Ita­li­ens.

Die Ra­ting­agen­tur Stan­dard & Poor's geht in ihrer kürz­lich ver­öf­fent­lich­ten Ana­ly­se davon aus, dass Ita­li­ens Pro­ble­me haus­ge­macht sind. Sie wi­der­spricht damit der ita­lie­ni­schen Re­gie­rung, wel­che die schwä­cheln­de Wirt­schaft auf die tie­fe­ren Wachs­tums­pro­gno­sen in Deutsch­land zu­rück­führt. Der zen­tra­le Trei­ber ist ge­mäss S&P viel­mehr die in­kom­pe­ten­te Wirt­schafts­po­li­tik des Lan­des.

Ita­li­en auf dem Weg in die Krise

Der ita­lie­ni­schen Re­gie­rung scheint in der Tat der Wille ab­zu­ge­hen, die drin­gend not­wen­di­ge Haus­halts­sa­nie­rung an­zu­pa­cken. Statt­des­sen hat sie eine «Flucht nach vorne»-Stra­te­gie ge­wählt. Ähn­lich dem Baron von Münch­hau­sen, der sich am ei­ge­nen Schopf aus dem Sumpf zieht, will die Re­gie­rung durch ein Grund­ein­kom­men und Früh­ren­ten den Kon­sum an­kur­beln, die Wirt­schaft sti­mu­lie­ren und so die Steu­er­ein­nah­men stei­gern.

Doch ohne wachs­tums­stei­gern­de Struk­tur­re­for­men kann die Wirt­schaft nicht an­ge­kur­belt und die Staats­schul­den kön­nen nicht ab­ge­baut wer­den – im Ge­gen­teil. Schon jetzt ist Ita­li­en mit gut 130 Pro­zent des BIP ver­schul­det. Nur Grie­chen­land hat eine noch hö­he­re Quote. S&P be­wer­ten die ita­lie­ni­schen Staats­schul­den denn auch auf der vor­letz­ten Stufe der Noten. Ge­ra­de mal «be­frie­di­gend» ist die Bo­ni­tät Ita­li­ens – und dies noch mit ne­ga­ti­ven Aus­sich­ten. Dabei spielt die zu­sätz­li­che Neu­ver­schul­dung nicht ein­mal die gröss­te Rolle: Das Pro­blem ist, dass die neue Re­gie­rung das Ver­trau­en der Märk­te rasch ver­spielt hat.

Stei­gen aus man­geln­dem Ver­trau­en die Zin­sen für ita­lie­ni­sche Staats­an­lei­hen, er­weist die ita­lie­ni­sche Re­gie­rung dem Land einen Bä­ren­dienst: Bei ge­schätz­ten 250 Mil­li­ar­den Euro aus­lau­fen­den Staats­an­lei­hen, die al­lei­ne 2019 wie­der auf dem Ka­pi­tal­markt plat­ziert wer­den müs­sen, kos­ten um ein hal­bes Pro­zent hö­he­re Zin­sen den ita­lie­ni­schen Staat zu­sätz­lich über 1 Mil­li­ar­de Euro.

Ita­li­ens wach­sen­der Schul­den­berg kann dazu füh­ren, dass die Sor­gen über ein mög­li­ches Aus­ein­an­der­bre­chen der Eu­ro­zo­ne wie­der über­hand­neh­men. Denn das Land ist als dritt­gröss­te Volks­wirt­schaft der Eu­ro­zo­ne schlicht «too-big-to-fail». Wäh­rend Grie­chen­land durch den eu­ro­päi­schen Ret­tungs­schirm (ESM) im Not­fall auf­ge­fan­gen wer­den kann, über­stei­gen die ita­lie­ni­schen Staats­schul­den mit gut 2,2 Bil­lio­nen Euro den Ret­tungs­fonds theo­re­tisch um weit mehr als 1,5 Bil­lio­nen Euro – atem­be­rau­ben­de Zah­len. Kein Wun­der wer­den die in­ter­na­tio­na­len An­le­ger ob der Wirt­schafts­po­li­tik Ita­li­ens ner­vös. Das «ita­lie­ni­sche Fie­ber» droht den Eu­ro­kreis­lauf an­zu­ste­cken.

Für die Schweiz ist Ita­li­en nach Deutsch­land, den USA und Frank­reich der viert­wich­tigs­te Han­dels­part­ner, noch vor China oder Gross­bri­tan­ni­en. Sie hat daher ein emi­nen­tes In­ter­es­se, dass sich die ita­lie­ni­sche Wirt­schaft po­si­tiv ent­wi­ckelt. Auch aus Sicht der Schwei­zer Un­ter­neh­men ist zu hof­fen, dass das Fie­ber Ita­li­ens rasch ge­senkt wer­den kann. eco­no­mie­su­is­se wird die wei­te­re Ent­wick­lung daher eng ver­fol­gen.